Experte fordert: Weniger Straßen in der City

(Artikel von Felix Bartsch aus der Rhein-Zeitung für Koblenz und Region vom Samstag, 13. Mai 2017, zur Schwarmstadt-Studie von Haus & Grund Koblenz und der IHK)

Forscher nimmt Koblenz unter die Lupe – Was sind die Stärken und Schwächen der Stadt?

Koblenz hat für seine relativ geringe Größe eine enorme Anziehungskraft gerade auf junge Menschen. Doch es bräuchte vor allem eines, um noch attraktiver zu werden und zu bleiben: Weniger Straßen in der Innenstadt. Das ist zumindest die Schlussfolgerung und Forderung, die Forscher Harald Simons vom Empirica-Institut an das Ende seiner Untersuchung der Stadt und ihrer Vorzüge und Probleme stellt.

In Zusammenarbeit mit der Industrie- und Handelskammer und dem Eigentümerverband hat Simons Koblenz genau unter die Lupe genommen und die Ergebnisse jetzt in Koblenz zur Diskussion gestellt.

Besonders der Straßenbau stößt ihm sauer auf: „Sie müssen hier einen Brückenfetischisten haben, wenn man sich das anschaut“, sagt er. Für ihn ist es unvorstellbar, wie so riesige Straßenkonstrukte mitten in einer Stadt bestehen können. „Das ist doch quasi ein Autobahnkreuz mitten in der Stadt“, ereifert er sich über den Saarplatz samt Überbau. Für ihn gibt es nur einen Weg: den drastischen Rückbau von Straßen und eine saubere Angliederung der Goldgrube an den Stadtkern.

Über Koblenz als Forschungsobjekt ist der Experte aus Berlin eher zufällig gestolpert: Eine bundesweite Studie hatte eine Rangliste der Städte ergeben, die besonders bei jungen Leuten beliebt sind, sogenannte Schwarmstädte, Koblenz landete auf Platz 24. Das machte Simons stutzig. „Es ist fast die kleinste Schwarmstadt, eigentlich viel zu klein dafür. Ich hielt das zunächst für einen Zufall.“ Dass die Stadt unter dem Strich bei den 25- bis 35-Jährigen gewinnt? „Das ist die wählerischste und mobilste Gruppe“, betont Simons. Wie also kann das sein?

Genauere Betrachtungen offenbarten dem Forscher: Es gibt gute Gründe dafür. Im Einzugsgebiet von Andernach bis Lahnstein wohnen 300 000 Menschen, was Koblenz nicht mehr so klein erscheinen lässt. „Koblenz ist noch abhängig vom Umland, was die Zuwanderung angeht. Aber es werden viele Berufsanfänger gehalten, der Verlust ist recht gering.“

Besonders die Zielgruppe zwischen 25 und 35 Jahren sei dabei wichtig:. „Wer in diesem Alter irgendwo hinzieht, der bleibt dann oft auch da.“ Woran das liegt? „Wenn man mit offenen Augen durch die Stadt geht, sieht man eine lebendige Innenstadt mit mediterranem Flair. Besonders die südliche Vorstadt ist sehr urban“, lobt Simons.

Probleme sieht er dennoch: Es gibt kein richtiges urbanes Gebiet, in dem Einkaufen, Wohnen und Ausgehen zusammenfallen. „Die Altstadt und Südstadt zusammen erfüllen diese Kriterien“, so Simons. Die Entwicklung sei auf einem guten Weg, doch es gibt auch noch viel Arbeit, gerade in der Außendarstellung. Kritik äußert der Wissenschaftler an der Baupolitik, die zu viele Einfamilienhäuser und zu wenig moderne Wohnungen hervorbringt. Dazu soll das Leben in der Altstadt durch attraktive Ausgehangebote weiter befördert werden – groß denken anstatt nur verwalten, so Simons Maxime. „Klar bringt das auch Lärm. Aber den Konflikt muss man verhandeln“, so Simons.

Sehen das denn die Koblenzer genauso? „Wir haben desaströse Zahlen, was den Neubau angeht“, räumt Christoph Schöll von Haus & Grund ein, „deshalb muss der Appell an die Stadt lauten, dass so etwas offensiver angegangen wird.“ Oberbürgermeister Joachim Hofmann-Göttig nimmt die Studie wohlwollend auf, will die damit verbundene Kritik aber nicht einfach so stehen lassen.

„Wir haben doch Alleinstellungsmerkmale: das Deutsche Eck, die Seilbahn und die Festung.“ Außerdem sei ein Straßenrückbau schwer umsetzbar aufgrund der hohen Pendlerzahlen. Was Simons nicht gelten lassen will: „Andere Städte kriegen das auch hin.“ Und geht es bei dem Leitbild um 25- bis 35-Jährige, ist eine Festung kein Kriterium.

Über weitere Ziele wurde man sich bei der Podiumsdiskussion bei der IHK durchaus einig: Wichtig sind die Festigung als IT-Standort, ein Ausbau der universitären Strukturen, attraktivere Angebote für Berufseinsteiger und eine stärkere Außendarstellung. Wie Koblenz weiter für junge Menschen attraktiv bleiben kann, ist für Empirica-Forscher Simons aber klar: „Koblenz bleibt Schwarmstadt, wenn ich gemütlich zu Fuß ohne Brücken von der Goldgrube in die Altstadt flanieren kann.“

Zurück